Folge 39 - Ein Kaltenleutgebener Pfarrer wird zum Märtyrer: Johann Wolf

 
Peter Nics

Kaltenleutgeben von damals bis heute

39. Folge

Ein Kaltenleutgebener Pfarrer wird zum Märtyrer: Johann Wolf
Ostersonntag, 1. April 1945. Beim Hochamt herrscht eine spürbar gedrückte Stimmung. Bei der ergreifenden Predigt haben die meisten Gottesdienstbesucher Tränen in den Augen. Und die ahnungsvollen Schlussworte der Predigt können wahrlich keinen Trost spenden: „Wir gehen einer schicksalsschweren Zeit entgegen. Die nächsten Tage werden uns eine verlängerte Karwoche bringen!“ Trotz dieser realistischen Einschätzung der Lage versucht Pfarrer Wolf seine verzweifelten Pfarrkinder zu beruhigen und alle, die im Ort verbleiben wollen bzw. müssen, in ihrem Gottvertrauen zu stärken.
Am Ostermontag erklärt der Pfarrer einem Freund, dessen Familie geflüchtet ist, auf alle Fälle hier bleiben zu wollen. Am Donnerstag in der Osterwoche beginnen vormittags die Kampfhandlungen in Kaltenleutgeben, die bis zum Ende des nächsten Tages anhalten. Am Samstag, dem 7. April, verbreitet sich im Dorf die schockierende Nachricht: Der Pfarrer, seine Schwester und zwei ausgebombte Gäste aus Wien im Pfarrhof  ermordet  –   vermutlich als die Ersten von insgesamt 69 Zivilisten. Nach Aussage einer Frau soll ein russischer Soldat im Haus Hauptstraße 120 behauptet haben: „Ich Kaplan kaputt, in Russland alle Kaplan kaputt!
Da es aber keine überlebenden Tatzeugen gab, wird die tatsächliche Täterschaft wohl für immer ungeklärt bleiben. Am 12. April werden Dechant Wolf und auch seine Schwester im Priestergrab auf dem Waldfriedhof beigesetzt. Ein Zeitgenosse hat dazu Folgendes zu Papier gebracht: „Es war ein erschütterndes Bild, wenn man den Friedhof betrat. Leiche an Leiche lag vom Tor bis zur Totenkammer hin. Meistens Ermordete, aber auch Selbstmörder aus Angst undVerzweiflung.“ (Rudolf Weiss). Zur Beerdigung kommen Pfarrer Seemann aus Perchtoldsdorf, der Pfarrprovisor von Rodaun und der Rektor vom Collegium Kalksburg. Die Kaltenleutgebner sind aber so verängstigt, dass sie dem Friedhof fernbleiben.  Im Anschluss wird ein Requiem in der Pfarrkirche gelesen. Da die russische Kommandantur die Abhaltung des Gottesdienstes und die freie Religionsausübung ausdrücklich gestattet hat und dies der Bevölkerung auch zur Kenntnis gebracht wurde, ist zumindest die Kirche voll. Bereits am Freitag, dem 13. April, kommt der junge deutsche Priester Karl Dintner als Provisor nach Kaltenleutgeben.
 
Wer war nun dieser ermordete Priester und was hat er in seiner Pfarre bewirkt?
Geboren am 13. Oktober 1892 in Poysdorf als Sohn eines Landwirts und Weinhauers. Pflichtschule in Nikolsburg, Eintritt in das erzbischöfliche Knabenseminar in Oberhollabrunn und Besuch des dortigen Gymnasiums. Klassenkamerad des späteren Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß (der elf Jahre früher als Dechant Wolf erschossen wird). 1923 Matura mit Auszeichnung, anschließend Eintritt ins Wiener Priesterseminar und Studium der Katholischen Theologie an der Wiener Universität. Priesterweihe am 29. Juni 1917 im Dom zu St. Stephan, anschließend Kooperator (Kaplan) in Bruck an der Leitha , wo er sich besonders in der katholischen Jugendbewegung engagiert. Er bleibt neun Jahre. Als 1926 der bisherige Pfarrer Gottlieb Schlesinger die Pfarre Inzersdorf übernimmt, wird Wolf am 10. Oktober 1926 als Lokalprovisor nach Kaltenleutgeben versetzt.
Wolf ist erst Mitte dreißig, für damalige Verhältnisse noch zu jung, um Pfarrer zu werden. Da er aber in kürzester Zeit die Liebe und Anerkennung der Pfarrgemeinde gewinnen kann, deren Vertreter zwei Mal beim Wiener Erzbischof  Kardinal Piffl vorstellig werden, um seine Ernennung zu erreichen, wird ihm trotz seiner verhältnismäßig wenigen Priesterjahre am 1. März 1927 die Pfarre verliehen. Bereits am 20. März findet die feierliche Installierung durch seinen Vorgänger Dechant Gottlieb Schlesinger statt.
Bald nach seinem Amtsantritt lässt Pfarrer Wolf die Bauschäden an Kirche und Pfarrhof erheben. Die während des Ersten Weltkriegs und in den Folgejahren immer wieder zurückgestellten umfangreichen Reparaturen wie Neueindeckung der Kirche und des Pfarrhofs, Ausbesserung der Stiegenanlagen und der Jakobskapelle können bereits 1927/28 durchgeführt werden. Auch der Pfarrhof wird innen und außen einer gründlichen Renovierung unterzogen. Als Bauernsohn kennt der neue Pfarrer natürlich die ländlichen Befindlichkeiten. Diese Kenntnis und sein energischen Naturell, aber auch seine Überzeugungskraft tragen viel dazu bei, die Bevölkerung zu tatkräftiger Mitarbeit zu gewinnen.
Erfolgreich ist auch Pfarrer Wolfs Bemühen um die Wiederanschaffung der seit dem Ersten Weltkrieg fehlenden Orgelprospektpfeifen  –  da sie aus Zinn gefertigt waren, mussten sie zusammen mit den Kirchenglocken an die Heeresverwaltung abgeliefert werden  –  sowie zweier größerer Kirchenglocken (zwei kleinere konnte bereits Amtsvorgänger Schlesinger 1921 gießen lassen), damit ab 1928 wieder ein wohlklingendes Geläute Gott zur Ehre und den Kaltenleutgebnern zur Freude erklingen kann.
Weiters ist es möglich, im Sommer 1931 die Innenrenovierung der Kirche von der Firma des Dekorationsmalers Ignaz Winter unter sehr kulanten finanziellen Bedingungen durchführen zu lassen. Die trotzdem beträchtlichen Kosten werden von der Pfarrgemeinde getragen. Bei dieser Renovierung werden u. a.  –  ganz im Geiste barocker Bautradition, wie betont wird  –  Architektur und Wandflächen getönt, die Kapitelle vergoldet sowie Kanzel, Orgel und Chorbrüstung  –  vormals in roter Marmorimitation gehalten  –  nun in Grau und Gold durchgebildet Das soll den Kirchenraum in seiner prachtvollen Architektonik und seinen reichen barocken Dekorationsmitteln wie Stuck, Marmor, Skulptur und Vergoldung nach Meinung der damals Verantwortlichen erst richtig zur Geltung bringen. Übrigens: Die entfernte rote Marmorimitation wird bei der nächsten Renovierung im Jahr 1991   wiederhergestellt.
Alles ist nun bereit für das 200-jährige Kirchenjubiläum, das vom 23. bis zum 31. Juli des folgenden Jahres gefeiert wird. In der aus diesem Anlass vom Oberlehrer i. R. Josef Lederer verfassten Festschrift werden erstmals für Kirche und Pfarre relevante Materialien publiziert.
Im Jubiläumsjahr lässt Pfarrer Wolf auch das Cholerakreuz renovieren, das von ungarischen Adeligen 1834 aus Dankbarkeit, dass die Seuche Kaltenleutgeben verschont hatte, errichtet worden war. Soweit die sichtbaren Aktivitäten des umtriebigen Pfarrherrn.
An erster Stelle der Aktivitäten stehen allerdings die sehr intensiven Bemühungen im Bereich der Seelsorge. Insbesondere den Kindern und der Jugend gilt des Pfarrers ganze Liebe und Fürsorge. Bereits 1928 gründet er den katholischen Mädchenbund und initiiert die katholische Frauenseelsorge. Es folgt u. a. die Gründung der Katholischen Aktion (Mitarbeit der Laien am Apostolat), des Burschenvereins und eines Verwaltungsausschusses. Es ist ihm auch ein ganz besonderes Anliegen, dass dem Kindergarten ein Hort für schulpflichtige Mädchen und eine Arbeitsschule (Haushaltungsschule) angeschlossen wird.
Pfarrer Wolf ist nicht nur ein ideenreicher Mann und ständig bemüht seinen Pfarrkindern hilfreich zur Seite zu stehen, er packt auch selbst immer wieder mit an, wenn es seine Zeit erlaubt, etwa um in Kirche oder Pfarrhaus Verbesserungen durchzuführen. Die gläubigen Pfarrkinder lieben und verehren ihn, obwohl er in religiösen Dingen keinen Schlendrian duldet  –  als Priester muss man ihn durchaus als streng bezeichnen.  Ob Johann Wolf als klarer Befürworter des damaligen Staatskurses (Ständestaat) auch einen Draht zur Arbeiterschaft gefunden hat und auch von ihr zumindest respektiert wurde?   
Die Gesundheit des Pfarrers lässt bereits zu wünschen übrig: Im März 1933 muss er sich einer Operation des Magens und des Zwölffingerdarms unterziehen, zwei Jahre später wird ihm die Gallenblase entfernt. Zur Förderung der liturgischen Erneuerungsbewegung wird eine „Liturgische Runde“ eingeführt, die wöchentlich zusammenkommt. Im März 1936 erfolgt die Ernennung zum Dekanatskämmerer, im Oktober 1936 wird  Pfarrer Johann Wolf anlässlich seines zehnjährigen verdienstvollen Wirkens die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Kaltenleutgeben verliehen. Seine Pfarrgemeinde übergibt ihm ein Sparbuch mit einem namhaften Betrag für eine Romreise. Sein Gesundheitszustand erlaubt es ihm aber vorläufig nicht, die Reise, zu der es allerdings auch später nicht mehr kommen wird, anzutreten.
Im März 1938 beginnt auch in Österreich die nationalsozialistische Schreckensherrschaft.  Pfarrer Wolf wird sein geliebter Religionsunterricht in der Schule untersagt. Wegen seines großen Einflusses auf die Bevölkerung und seiner unerschrockenen, geraden Art wird er von der Gestapo überwacht und mehrmals verhört. Mit ehemaligen Schülern, die zum Militär eingezogen werden, bleibt er in Briefkontakt und ermutigt sie in ihrer Treue zur Kirche sowie zur Ausdauer in der Erfüllung moralischer und religiöser Pflichten. In seinen Predigten, die allesamt überwacht werden, vermeidet er sorgfältig alle Äußerungen, die als politisch verstanden werden könnten. Um sich aber doch einer Stellungnahme zur nationalsozialistischen Diktatur nicht gänzlich zu entziehen, bemüht er in seinen Predigten historische Beispiele, um  darzustellen, wie oft die weltliche Macht schmählich gescheitert ist, wenn sie Gottes Wege verlassen hat.
1941 kann die Außenrenovierung der Pfarrkirche in Angriff genommen werden. Leider muss auf den ehemals leuchtenden Farbton verzichtet werden, um keine Fliegerangriffe zu provozieren.
1942 erleidet Pfarrer Wolf beim Sturz von einem Zwetschkenbaum mehrere Rippenbrüche und eine lebensgefährliche Verletzung der Lunge, was ihm sechs Wochen Spitalsaufenthalt einbringt. 1943 wird er zum Dechanten des Stadtdekanates Liesing ernannt und tritt dieses ehrenvolle, damals sicher besonders schwierige Amt am 1. Jänner 1944 an. Kurz darauf wird ihm angeboten, auf die Pfarre Kaltenleutgeben zu resignieren und nach Perchtoldsdorf zu übersiedeln, um von dort aus seine Aufgaben als Dechant besser wahrnehmen zu können.
Wolf lehnt aber ab und beruft sich darauf, dass er in dieser schrecklichen Kriegszeit seine Pfarrkinder, mit denen er sich innig verbunden weiß, nicht im Stich lassen kann und will. Diese Entscheidung, die ihm zu allen Ehren gereicht und ganz und gar seinem Charakter und seiner Liebe zu seinen Pfarrkindern entspricht, wird ihm allerdings im Jahr darauf zum Verhängnis.
1995 wird am Pfarrhof eine schlichte Gedenktafel „Zur Erinnerung an Dechant Johann Wolf, Pfarrer von 1927 – 1945,  im Pfarrhof erschossen am 5./6. April 1945“ angebracht.