Professorenvilla - Gedenktafel

Professorenvilla, Dr. Winternitz

Die BEDEUTUNG DER GEDENKTAFEL an der PROFESSORENVILLA in Kaltenleutgeben

Die Gedenktafel an der Professorenvilla in Kaltenleutgeben, Hauptstraße 74, kennzeichnet nicht nur den Namen dieses architektonischen Juwels, sondern hebt auch seine historische Bedeutung hervor. 

Diese schön renovierte Jugendstilvilla trägt wesentlich zum Ortsbild bei und sie erzählt über das hier befindliche Archiv und Heimatmuseum unsere Geschichte, die uns auch die Weltgeschichte näherbringt.

INFORMATIONEN ZU DIESER VILLA und ihrer ERSTBESITZER

Hier war die private Residenz – und deshalb ist sie auch so benannt - von Professor Dr. Wilhelm Winternitz und seiner Frau Lydia über eine Zeit von 28 Jahren, von 1889 bis 1917. 

Dr. Wilhelm Winternitz wurde am 1. März 1834 (1835?) in Josephstadt, Böhmen geboren und gründete 1865 die berühmteste, die 3. Kaltwasser-Kuranstalt in Kaltenleutgeben. Als Privatdozent für interne Medizin, Unterfach Hydrotherapie, das ist die Anwendung von Wasser zur Linderung von Beschwerden. 1881 wurde er zum außerordentlichen, 1899 zum ordentlichen Professor, später zum K. u. K. Hofrat und auf Grund seiner großen Verdienste in Kaltenleutgeben zum Ehrenbürger ernannt. Darüber hinaus veröffentlichte Winternitz eine große Zahl wissenschaftlicher Arbeiten. 

Diese Tafel erinnert an einen der bedeutendsten Persönlichkeiten des Ortes. Unter dem Einfluss dieses visionären Arztes erlebte Kaltenleutgeben eine Phase florierender Wirtschaft und kultureller Blüte mit internationalem Flair. 

Die Gedenktafel erfüllt jedoch weit mehr als nur eine ehrenvolle Funktion. Sie ist ein zentrales Element der Informations- und Bildungskultur unserer Gemeinde. In Zeiten, in denen wir unsere Geschichte kritisch beleuchten müssen, bietet sie einen Ankerpunkt, um sowohl die glorreichen als auch die dunklen Kapitel unserer Vergangenheit aufzuarbeiten. In den letzten Jahren haben wir im Rahmen der Vortragsreihe "Kaltenleutgeben – das unbekannte Tal" wertvolle Einblicke in die Ortsgeschichte gewonnen und dabei oft erschreckende Parallelen zu aktuellen Themen der Weltgeschichte erkannt.

Besonders hervorzuheben ist die Erwähnung von Lydia Winternitz, geborene Löwenthal, am 10. November 1859 in Witebsk (Weißrussland), die in dieser Villa – wie schon erwähnt, 28 Jahre mit ihrem Ehemann lebte. Nach seinem Tod im Ersten Weltkrieg, der bereits den Niedergang der Kurzeit einleitete, übernahm sie die Position der Präsidentin des Verwaltungsrates der Wasserheilanstalt Dr. Wilhelm Winternitz AG, die nach dem Tod ihres Gatten 1917 als Aktiengesellschaft weitergeführt wurde.

Am 26. März 1938 musste das Unternehmen wegen Überschuldung den Konkurs eröffnen und den Betrieb für immer schließen. Lydia Winternitz war als Präsidentin des Verwaltungsrates bereits vorher ausgeschieden. Die Hauptursachen für den Konkurs waren die Folgen des 1. Weltkrieges mit dem Verlust der meisten Kurgäste aus den Kronländern der Monarchie, die Kriegsschulden und Reparationszahlungen. Dies führte zur Inflation, Geldentwertung, Arbeitslosigkeit und Armut in vielen europäischen Ländern. Dazu kam die Weltwirtschaftskrise von 1929, die durch den Börsencrash in New York ausgelöst wurde.  

1938 erwarben die Nationalsozialisten die alte Kuranstalt und dies führte zum Umbau in die SA-Kaserne "Feldherrnhalle".  

Winternitzgrabstein

DIE GEDENKSTÄTTEN VON WILHELM und LYDIA WINTERNITZ

Ein Besuch der Gedenkstätten von Dr. Wilhelm und Lydia Winternitz am Wiener Zentralfriedhof und im Ostarrichipark im Zentrum des Otto-Wagner-Platzes im 9. Wiener Bezirk Alsergrund ist sehr empfehlenswert:

Dr. Wilhelm Winternitz, der am 2. Februar 1917 in Wien im Ersten Weltkrieg starb, ist auf dem alten Jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs begraben. Nach dem Eingang (Tor 1) kommen Sie zur Gruppe 52A, Reihe 1, Grabnummer 14. In diesem weitgehend von der Natur zurückeroberten Teil des Friedhofs vor einem Grabstein zu stehen, der wie neu wirkt, ist ein besonderes Erlebnis. Unser großer Meister ruht hier, umgeben von bekannten Persönlichkeiten wie dem österreichischen Komponisten jüdischer Herkunft, Karl Goldmark. Die Oper "Die Königin von Saba", die 1875 Premiere hatte und ihn über Nacht berühmt machte, ist sein bekanntestes Werk. Linker Hand neben der Ruhestätte von Dr. Winternitz, auf Grabnummer 15, steht ein Grabstein mit folgender Inschrift: „Hier ruht kaiserlicher Rat Dr. Theodor Lieben, Erster Sekretär der israelitischen Kultusgemeinde.“ 

Lydia Winternitz und neun weitere Mitglieder ihrer Familie fielen dem Holocaust zum Opfer. Ihr Schicksal ist Teil der tragischen Geschichte unzähliger jüdischer Menschen, die während dieser dunklen Zeit in der Geschichte Europas verfolgt und ermordet wurden. 

Sie wurde am 2. November 1941 von den Nationalsozialisten ins Ghetto Łódź (Litzmannstadt war der Name während der NS Zeit) deportiert, wo sie am 6. Juni 1942, im Alter von 82 Jahren, ein Opfer der Vernichtung durch das Nationalsozialistische Regime wurde.

Der Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach, war verantwortlich für die Deportation und die Verbrechen an insgesamt 185.000 österreichischen Juden ab dem Jahr 1940. 

Diese Erinnerungen mahnen uns, die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes nie zu vergessen und die Würde der Opfer zu bewahren. Mit dieser Gedenktafel setzen wir ein bewusstes Zeichen gegen das Vergessen und Würdigen gleichzeitig die Nachkommen der Winternitz-Familie. 

Die Erinnerung an Lydia Winternitz finden wir auf der Shoah-Namensmauern-Gedenkstätte, die sich im Ostarrichipark im Zentrum des Otto-Wagner-Platzes im 9. Wiener Gemeindebezirk, Alsergrund, vor der Nationalbank befindet. Ihr Name und die Namen weiterer 9 Holocaust Opfer dieser Familie stehen unter den 64.440 alphabetisch angeordneten eingravierten Namen auf 160 Steintafeln.

Dieses Mahnmal ermordeter jüdischer Kinder, Frauen und Männer aus Österreich wurde vom österreichisch-kanadischen Künstler Kurt Yakov Tutter initiiert. Er ist 1930 geboren und hat den Holocaust überlebt. 20 Jahre lang hat er sich für die Errichtung dieser Gedenkstätte in Wien eingesetzt. 

Mit Hilfe von Bundesregierung, Bundesländern, Nationalfonds sowie der Stadt Wien unter der Schirmherrschaft des Nationalratspräsidenten wurde es 2021 im Beisein wichtiger Vertreter der Bundesregierung eröffnet.

Die Namensliste der Opfer wurde unter Einbeziehung von Angehörigen und Nachkommen vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) recherchiert und erarbeitet. 

LydiA wINTERNITZ gEDENKTAFEL

Somit ist die Professorenvilla nicht nur ein geschätztes Kulturerbe, sondern auch ein mahnendes Denkmal, das an die unvorstellbare und jederzeit wieder mögliche Grausamkeit unserer Vergangenheit erinnert. 


DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER GEDENKTAFEL

Die Installation einer Gedenktafel an der Professorenvilla ist nach dem Beginn einer historischen Aufarbeitung unserer Ortsgeschichte von 2024 bis 2025 in der Archiv-Vortragsserie "Kaltenleutgeben, das unbekannte Tal" entstanden. Die Präsentation umfasste die Dokumentation des Niederganges unserer Kurzeit mit dem 1. und 2. Weltkrieg, damit der NS-Zeit und der Jüdischen Ortsgeschichte in insgesamt 4 Vorträgen. 

Besonders wichtig war es, die Nachkommen der Winternitz-Familie kennenzulernen, ihre Familiengeschichten im Archiv zu erfahren und über Jahre zu dokumentieren. Ihre Geschichten, die sie uns in den letzten Jahren im Archiv und Heimatmuseum der Professorenvilla erzählt haben, sind von unschätzbarem Wert. Es ist wichtig, dass wir durch diese persönlichen Begegnungen und Dokumentationen die Erinnerungen an ihre Familien und deren Schicksale lebendig halten.

Diese jüdische Familie hat dem Ort Kaltenleutgeben um 1900 durch ihr Schaffen entscheidende Impulse für die erfolgreichsten Jahre der Kurzeit gegeben. Wir können stolz darauf sein, dass unsere Professorenvilla als Erinnerungsstätte dadurch von Nachkommen dieser Familie aus New York, Philadelphia und Cleveland besucht wurde. Unser Dank geht stellvertretend an Frau Dr. Beate Pietschnig und Mag. Florian Macke für die enge Zusammenarbeit.

Sehr wichtig für diese Vorträge waren auch die Treffen, die dadurch weitergegebenen Informationen und Dokumentationen von Zeitzeugen, wie zum Beispiel von Franz Mayer. Er hatte als Kind das Kriegsende und die schwierigen Lebensbedingungen danach erlebt.

Frau Mag. Irene Kaufmann hat den Vorschlag eines "Gedenksteines" bereits im BürgerInnenbudget 2022 vorgebracht. Sie hat zudem eine aktive Erinnerungskultur in unserer Gemeinde angeregt, die als grundlegende Verantwortung der Gemeindeleitung verstanden werden sollte. Damit verbunden ist auch ihre gute Zusammenarbeit mit dem Archiv, wo ihre Informationen und ihre Vorstudie zur jüdischen Vergangenheit ab1938 dokumentiert sind.

Bürgermeisterin und Bundesrätin Frau Bernadette Geieregger MSc, hat durch Ihre mehrmalige Eröffnung dieser Vorträge, wie "Das Hakenkreuz" am 7. März 2025, ein sehr wichtiges Signal für die Erinnerungskultur unserer Ortgeschichte gesetzt. Diese Abende boten nicht nur wertvolle Einblicke in unsere Geschichte, sondern auch die Möglichkeit, Mitglieder der Winternitz-Familie persönlich kennenzulernen und deren bewegende Familiengeschichte zu erfahren.

Vizebürgermeisterin Theresa Edtstadler-Kulhanek MSc, hat bereits 2022 ein Projekt zur wissenschaftlichen Aufarbeitung zum jüdischen Gedenken im Ort initiiert. Dies führte zur Zusammenarbeit mit einer Studentin, die ihre Diplomarbeit in 2026 abgeben wird. Das Projekt wurde zur Einarbeitung vom Archiv der Marktgemeinde unterstützt, und der Schwerpunkt liegt auf der detaillierten Untersuchung spezifischer Familiengeschichten sowie deren Einfluss, dokumentiert in einer wissenschaftlichen Arbeit.

So entstand der konkrete Gedenktafel-Plan, der über die Gemeinderätin für Kultur, MMag. Bernadette Decristoforo, im Kulturkreis mit einstimmigem Beschluss eingereicht wurde. 

Der QR-Code führt auf die Webseite der Gemeinde. Text und Bild: ehrenamtlicher Archivar und Autor der Vorträge Ing. Johann Steiner.